Einkommensschwache Bevölkerungsgruppen bleiben in den städtischen Zentren

Grenchen, 16.05.2017 - Eine Studie widerlegt die weit verbreitete Annahme, wonach die einkommensschwachen Haushalte zunehmend aus den städtischen Gebieten wegziehen. Eine Analyse der Wohnmobilität in den sechs grossen Schweizer Agglomerationen hat gezeigt, dass der Rückgang der in den Kernstädten wohnhaften erwerbstätigen Personen durch den Zuzug eher ärmerer Personen abgemildert wird. Rückläufig ist die Zahl der dort wohnhaften erwerbstätigen Personen hauptsächlich infolge des Wegzugs gut situierter Haushalte.

Sind die grossen Städte und ihre Agglomerationen für Personen mit niedrigem Einkommen infolge der Verknappung von erschwinglichem Wohnraum bald zu teuer? Werden die Kernstädte wirklich zunehmend von kaufkräftigen Personen in Beschlag genommen und die einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen verdrängt? Finden in den Agglomerationen zurzeit tatsächlich tiefgreifende Umwälzungen bei der Zusammensetzung und Verteilung der Einwohnerinnen und Einwohner statt, sodass der Graben zwischen armen und reichen Gemeinden noch tiefer wird?

Im Zusammenhang mit dem sehr angespannten Wohnungsmarkt in den Ballungszentren werden diese Fragen und Bedenken oft geäussert. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hat das Bundesamt für Wohnungswesen BWO eine Studie in Auftrag gegeben, die die individuelle Wohnmobilität in den Agglomerationen Zürich, Basel, Bern, Lugano, Lausanne und Genf unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Situation der dort wohnhaften Personen untersucht hat. Die Universität Genf analysierte zu diesem Zweck die Daten der erwerbsfähigen Personen, die zwischen 2010 und 2014 in einer der sechs Agglomerationen wohnten und umgezogen sind. Rentnerhaushalte wurden in der Studie somit nicht berücksichtigt. Die Bevölkerung wurde in drei Gruppen unterteilt: Personen mit niedrigem, mittlerem bzw. hohem Einkommen. Untersucht wurden die Intensität der Mobilität sowie die von den Umzügen betroffenen Gemeinden. Diese wurden nach der wirtschaftlichen Situation ihrer Einwohnerinnen und Einwohner sowie der Lage auf dem Wohnungsmarkt unterteilt.

Die Studie gelangte zu erstaunlichen Ergebnissen, die die weit verbreiteten Meinungen weitgehend widerlegen. Sie zeigen, dass die Kernstädte mehr Wegzüge als Zuzüge erwerbstätiger Personen verzeichnen. Vor allem gut situierte Personen verlassen die Kernstädte und wählen als neuen Wohnort bevorzugt Gemeinden, deren Bevölkerung einen ähnlichen sozialen Status aufweist. Diese Wegzüge werden teilweise durch den Zuzug von Personen mit vorwiegend niedrigem Einkommen ausgeglichen.

Die Mobilität von Personen mit sehr begrenztem Budget unterscheidet sich klar von derjenigen der anderen zwei Gruppen: Einkommensschwache Personen ziehen deutlich weniger häufig um und wenn sie ihren Wohnsitz wechseln, dann meistens innerhalb ihrer Wohngemeinde, vor allem wenn sie in einer Kernstadt leben. Ziehen sie dennoch aus der Kernstadt weg, lassen sie sich vor allem in einer anderen eher ärmeren Gemeinde der Agglomeration nieder. Wegzüge aus der Agglomeration in periurbane Gemeinden sind eher selten.

Die ungleiche Verteilung der verschiedenen Einkommensgruppen innerhalb der Agglomerationen ist unterschiedlich stark ausgeprägt. In der Romandie und in Basel ist die soziale Segregation grösser. Die Konzentration von Personen mit ähnlichem wirtschaftlichem Status hat zwischen 2010 und 2014 kontinuierlich zugenommen. Das zeigt, dass die Wohnmobilität die räumlichen Ungleichheiten zwischen den Gemeinden zusätzlich verstärkt. Dass die einkommensschwachen Personen tendenziell innerhalb der Kernstädte umziehen, könnte darauf hinweisen, dass sich diese Bevölkerungsgruppe immer konzentrierter in bestimmten Quartieren wiederfindet.

Diese fundierte Studie zeigt, wie schwierig es ist, das Umzugsverhalten der Haushalte genau zu ergründen und die entsprechenden Mechanismen und Auswirkungen zu verstehen. Sie verdeutlicht, dass einkommensschwächere Haushalte in der Regel in den Agglomerationszentren bleiben oder innerhalb dieser umziehen. Ausserdem bestätigt die Studie, dass der Zugang zum Wohnungsmarkt entscheidend vom verfügbaren Einkommen abhängt.


Adresse für Rückfragen

Doris Sfar, BWO, Leiterin Bereich Grundlagen und Information, +41 58 480 91 85
Philippe Wanner, Universität Genf, Institut für Demografie und Sozioökonomie, +41 22 379 89 30



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